Tag 4 - Von Arcos nach Barcelos

Tag 4 - Arcos bis Barcelos


Es ist 16:30 Uhr und ich liege heulend auf meinem Zimmer. Wohl meine erste Sinnkrise auf diesem Weg. Eigentlich hat der Tag ganz toll angefangen. Ich hatte eine super erholsame Nacht in diesem feinen Landgasthaus mit den wohlhabenden Menschen und dann gab es auch noch Tomatenmarmelade zum Frühstück! Als ich los ging, fing die Sonne an zu scheinen und es war auch schön warm. Die Knochen taten auch nicht weh. Perfekt! Ich stapfte also los in Richtung Rates, meinem eigentlich angepeilten Ziel vom Vortag. Der Weg ist total beschaulich und ich laufe durch duftende Eukalyptuswälder. In Rates selbst mache ich kurz halt in einem Supermarkt, um nochmal 1,5 l Wasser nachzutanken. Es gibt ein paar Cafés, aber für einen Stopp ist es zu früh, es gab ja gerade erst Frühstück und ich bin erst eine Stunde unterwegs. Als ich aus dem Supermarkt komme, fängt es leicht an zu tröpfeln. Das wird schon wieder aufhören, denke ich und verlasse den Ort - naja, hätte ich mich mal in eines der Cafés gesetzt! Es fängt wieder richtig an zu schütten - Eukalyptus bietet leider keinen so wahnsinnig tollen Regenschutz bei den drei Blättern am Baum... ich bin also bald wieder trotz Poncho durchgeweicht und richtig schnell komme ich auch nicht voran, ich habe schiss vor nassen Füßen, ich bin doch gerade erst los und habe noch gut 19km vor mir! Wenn man weiß, was einen erwartet, wird man vorsichtig... irgendwann hört der Regen auf und die Sonne kommt auch wieder heraus, zum Glück trocknet meine Hose sehr schnell, sodass die Feuchtigkeit nur etwas durch die Socken in die Schuhe zieht. Die Landschaft ist wunderschön ländlich-mediterran, ich laufe und laufe und laufe, irgendwie ist es aber anstrengender als die Tage zuvor. Wird wohl an den Steigungen liegen, man muss einige Male schon ganz schön bergauf. Ich hatte morgens schonmal gelinst, ob ich vielleicht meine fehlenden Kilometer vom ersten Tag einhole, aber recht schnell wird mir klar, dass ich das sicher nicht packe und mich schon nach Barcelos sehne. Unterwegs treffe ich doch tatsächlich die zwei Lüneburger und Mutter & Tochter wieder - und das, obwohl ich versehentlich den „nicht empfohlenen Weg“ von zwei Varianten aus dem Pilgerführer gewählt habe und alle vier schon früh in Rates aufgebrochen sind. Ich freue mich sehr, dass wir uns für den Abend verabreden. Ich mache eine kurze Kaffeepause und kann nicht widerstehen, als ich „Thunfischbaguette“ lese. Ich hab wohl doch ein Hüngerchen... ok, es ist auch schon 13:30 Uhr, das gönn ich mir für 2,50€! Es war suuuuperlecker, aber leider eine echt schlechte Idee, das Baguette (der Thunfisch war eher Mayo-Thunfischsalat) liegt mir schwer im Magen und ich fühl mich nicht wohl. Zudem beginnt es kurz nach meinem Aufbruch wieder zu tröpfeln. Zum Glück bleibt es bei einem leichten Schauer, kein Poncho notwendig.  Eigentlich ist es nicht mehr weit, aber jeder Meter fällt mir gerade schwer. Dann fängt auch noch mein linker Fuß an weh zu tun... warum das denn??? Die rechte ist doch meine Problemseite! Warum denn bitte jetzt links...?! Der linke Fuß grinst gehässig zum rechten mit seiner Ballen-Blase vom mit nassen Schuhen gehen und der vorsorglich angelegten Knöchelbandage und sagt „hättest du mir auch mal etwas Aufmerksamkeit geschenkt! Na toll. Fußgelenk und Blase rechts waren so „leicht unangenehm“ gestern, aber links fängt nun an richtig Alarm zu machen.

Ortseingang Barcelinhos. Hier gibt es zwei Herbergen, ich möchte aber gern noch ein paar Meter weiter bis Barcelos. Ich muss nochmal eine kurze Pause in einem Café machen... das Baguette... ihr wisst was ich meine... 1,8 km zeigt Google Maps an, ich schwanke zwischen zwei Unterkünften, google nochmal im WLAN des Cafés bei einem Galaõ und sehe Fotos von Unterkunft 1... okaaay, die ist raus! Fast zeitgleich kommt die Meldung von Mutter & Tochter, dass eben diese geschlossen ist, wegen Renovierung. Ich denke mir „Jup, bitter nötig“. Also bleibt nur noch Unterkunft zwei, wieder ein Hotel mit Pilgerpreisen. Ich verlasse das Café und genau jetzt fängt es wieder an zu regnen. Super! Lucky me.

Ich bin so erschöpft, dass ich mir heute keine Herberge vorstellen kann, hm, gestern hatte ich noch voll Bock drauf. Aber wenn’s einem ich gut geht, tut ein klein wenig Privatsphäre nicht schlecht. Auf dem letzten Kilometer denke ich, ich schaffs nicht mehr, ich bin nicht weiter gelaufen als die letzten Tage, aber irgendwie geht grad gar nichts mehr. Da ich wegen des linken Fußes schon etwas in Schonhaltung gegangen bin, fängt die linke Hüfte auch leise an Aua zu sagen... es ist doch erst der 3. Tag unterwegs! Ich denk das wird besser? Plötzlich schießen mir Tränen in die Augen... wird das hier wieder was, was ich möchte und nicht schaffe? Ich habe mir in meinem Leben bisher ein paar Dinge vorgenommen. Nicht viel und nichts außergewöhnliches. Ich wollte gerne einen einigermaßen gut bezahlten Job mit etwas Verantwortung haben, ein kleines Haus mit Garten, einen liebenden Ehemann, vielleicht Nachwuchs... ein netter Urlaub im Jahr wär auch toll... für viele sind das keine richtigen Ziele, das ist der normale Werdegang und ich werde komisch angeschaut, wenn ich danach gefragt werde und keinen 10-Punkte Karriereplan vorlegen kann. Bisher hat davon nichts geklappt, ich bin immer kurz vorm Ziel gescheitert. War in der Schule schon so... habe ich mich mal richtig angestrengt mit Nachhilfe und so, bin ich mit einer 5 in der Klassenarbeit heim gekommen. Sonst wars immerhin ne 4... (zum Glück war ich nur in Mathe so schlecht...)

Nun werden einige sagen: siehst du, dann lass es doch einfach alles auf dich zukommen, dann wird es besser! Aber man kann doch nicht ganz antriebs- und ziellos umhertreiben...?

Ich habe plötzlich Heimweh und ich vermisse meinen Ex so sehr... eigentlich sind die beiden Gefühle eins, kenn ich schon von dem Urlaub in Andalusien mit meinem Papa im Februar. Heimweh ohne ein Zuhause, zu dem man zurück kehren kann, weil mein Zuhause-Gefühl mein Ex war. In seiner Gegenwart hab ich mich immer so wohl gefühlt, wie nirgends sonst. Ich frag mich, was ich hier mache, als ob so eine blöde Extremwanderung meinem Herz und meinem Hirn sagen könnte, dass sie meinen Ex streichen sollen. Heulen kann ich schließlich auch zuhause, bin ich im den letzen Monaten geübt drin...ohne Fussaua!!!  Erstmal eine heisse Dusche, 35€ kostet das Zimmer. 5€ weniger, als mein Palast von gestern und es ist... naja... sagen wir mal „ernüchternd“. Egal, es geht eh nicht mehr weiter heute und es kommt heißes Wasser aus der Dusche. Zugegebenermaßen, ist der Weg des heißen Wassers aus dem Duschkopf heraus sehr kreativ, aber nun gut. Ich will mal nicht meckern. Schnell noch die durchgeschwitzten und schlammbespritzten Klamotten waschen - auf das sie bis morgen trocknen! Nun habe ich zwei Stunden, bis ich mich mit Mutter & Tochter zum Abendessen verabredet habe. Ich freu mich drauf, andere Menschen sind für mich immer eine gute Ablenkung vom Selbstmitleid. Draußen regnet es gerade wieder stark, ich bin auf das Wetter morgen gespannt und versuche langsam aufzuhören zu heulen, die Augen müssen wieder abschwellen, bevor ich vor die Tür gehe. Meine Fuß schmerzt stark... drückt mir die Daumen, dass es morgen wieder besser geht!