Tag 3 - no Rain no Flowers

Die Nacht war tatsächlich ganz gut. Der Hund, der irgendwo in der Nacht gefühlt 2 Stunden am Stück durchgebellt hat, hat irgendwann aufgegeben und der prasselnde Regen hat mich gut in den Schlaf gewiegt. Ein paar mal wache ich auf und treffen die Entscheidung „zu früh“! Um halb 7:30 Uhr ist dann aber endgültig die Nacht vorbei und bald höre ich auch Geräusche aus der Nebenkoje. Ich stehe auf - ein prüfender Blick und Griff in die Schuhe: Yeay! Trocken! Dann ein prüfender Blick aus dem Fenster: Yeay! Trocken! Noch besser: Sonne!!!

Ich genieße noch einmal den Luxus einer Dusche im „eigenen“ Badezimmer, meine Mitbewohnerin tut es mir gleich - wer weiß, was uns heute Abend erwartet. Eins ist klar - keine gemeinsame Herberge. Sie wird am. Vila do Conde den Küstenweg gehen, ich werde nach Rates auf den Camino Central wechseln. Aber wir starten gemeinsam. Ein paar Meter weiter treffen wir auch Mutter und Tochter vom Vorabend. Wir gemeinsam los, um ca. 500m weiter gleich zum ersten Mal eine Rast einzulegen. Eine Strandbar bietet Galaõ (Milchkaffee) und Käsetostas (gegrillte Käsetoasts). Da kann man nicht nein sagen. Nach dem gemeinsamen Frühstück geht es im lockeren Verband weiter, die Landschaft ist bei Sinne noch viel schöner und es ist auch gleich ziemlich warm. Irgendwann verlieren wir Mutter und Tochter und gehen alleine weiter, erzählen uns Dinge aus unser beider Leben. Kurz vor Vila do Conde treffen wir die zwei Jungen Männer aus Kempen, die ebenfalls am Vorabend mit von der Partie war, wir gehen gemeinsam bis in den Ort, dort trennen sich unsere Wege wieder, die zwei gehen auch den Küstenweg weiter. Wir zwei essen noch gemeinsam eine Kleinigkeit zum Mittag und suchen uns dann jemanden, der unsere Pilgerausweise stempelt - während der Siesta gar nicht so einfach. Dann ist auch für und Abschiednehmen angesagt. Wir wollen schreiben.

Ich gehe allein weiter. Dr Weg ist zwischendrin recht gefährlich - warum auch immer, fassen die Portugiesen hier ihre Landstraßen gerne mit 2,50 Meter hohen Mauern ein. Dabei sind die Straßen aber leider gerade so breit wie 1,5 Auto, haben die ein oder andere Kurve und regen Verkehr. Ich quetsche mich auf dem nicht vorhandenen Seitenstreifen an der Mauer entlang. Trotzdem ist der Weg schön, führt durch untouristische kleine Örtchen. Eigentlich war mein Tagesziel Rates. Aber ich habe ja schon Verzug von der ersten Etappe. Ich spekuliere kurz, ob ich es schaffe - ja, würde ich, hätte dann aber wohl fast 30km auf dem Buckel und wäre auch erst wieder um 6/6:30 Uhr in der Unterkunft. In Rates gibt es auf gronze.de und im Pilgerführer nur zwei Unterkünfte. Auf dem Weg finde ich immer wieder Werbung für eine Unterkunft in Arcos. Hm, dann laufe ich eben über Arcos und entscheide spontan, ob ich mir dort den weiteren Weg nach Rates noch antun möchte. Langsam zieht es zu, die Wetterapp hatte gestern 90% Regenwahrscheinlichkeit gegen Abend gemeldet. Riskiere ich es, nass, spät und eventuell diesmal ohne die Chance auf eine Heizung, zum Schuhetrocknen in Rates anzukommen? Ich laufe an der beworbenen Unterkunft vorbei. Das soll eine Pilgerunterkunft sein!? Ich schau mal eben, was das Internet so sagt. Booking meldet 118€, die Nacht. Uiui. Aber auf der Werbung stand Pilgerrabatt! UND kostenloser Wäscheservice! Ich trau mich und gehe rein und frage. Nunja, so richtig günstig für Pilgerverhältnisse ist es nicht, aber das Preis-Leistungsverhältnis ist schon top, stellt sich später heraus. Und nun mag ich auch nicht mehr, die ersten Tropfen fallen. Ich schreibe nochmal kurz den Vorabendgefährten, wo sie untergekommen sind. Erst nachdem ich in Arcos alles Dingfest gemacht habe, bekomme ich Rückmeldung „wir kochen jetzt Nudeln zusammen!“

Schade. Ich würde auch gerne Nudeln mit netten Menschen kochen, stattdessen bin ich nun alleine hier in diesem luxuriösen Landgasthaus. Drumherum ist nichts, also muss ich auch das (für Pilgerverhältnisse) teure Abendessen buchen. Es ist 17:00 Uhr, essen gibt’s um 20:00 Uhr. Ob ich das überlebe?! Die Dame an der Rezeption hat mich vorgewarnt, ich müsse mein Bad ggfs. mit Mitpilgern teilen - klar, kein Ding. Es seien aber derzeit noch keine weiteren im Haus. Prima! Dann mal schnell die Chance nutzen und im Ruhe Duschen! Die Damen weist nochmals auf den Wäscheservice hin. Nunja, für den Zimmerpreis MUSS ich das eigentlich in Anspruch nehmen. Ich habe etwas bedenken, ob die Sachen bis morgen rechtzeitig fertig werden, da viel aus Merinowolle ist, und nicht in den Trockner darf.

Draussen fängt es an zu Gewittern - zum Glück habe ich hier mein Zimmer, in dem Schauer wäre ich direkt reingekommen und es ist wieder reeller Regen, nicht blos geniesele.

Aber erstmal Duschen! Was sehen meine müden Augen: eine blitzsaubere Badewanne! Ooookay - meine Sehnen und Muskeln werden mir ein warmes Bad danken. Frischsauber bringe ich die getragene Kleidung zur Rezeption, wann denn alles fertig würde, frage ich. Heute noch, wird mir gesagt und ich weise nochmal darauf hin, dass es sich um Wolke handelt - ich möchte ungern morgen im Kleidung loslaufen, die auf Kleinkindformat zusammengetrocknet wurde. Ich gehe zurück aufs Zimmer und kümmere mich um meinen Bericht vom 2. Tag. Ich bin mal richtig dekadent und plündere die Minibar! Wenn schon, denn schon! Ich mag Portugal - jedes Getränk 1,50, auch Bier. Die Flasche Wein ist mit 7€ am teuersten - eine richtige Flasche Wein, kein Piccolo!

Endlich ist es 20:00 Uhr, es gibt essen. Eigentlich hab ich mich an der Vorspeise mit Schinken, Käse und Tunfischcreme satt gegessen, da kommt die Suppe. Es gewittert wieder. Der Strom fällt aus und wir sitzen ein paar Minuten im Dunkeln. Zum Glück sind die Kerzen auf dem Tischen an. Gefolgt vom Hauptgericht, Hühnchen aus dem Ofen mit Salat und Reis. Muy delicioso! Den Wein gibt’s zum Menü dazu. Ich sitze zwischen lauter Leuten, die aussehen, als hätten sie Geld. Ich seh aus wie ein Pilger. Ich glaube die eine 4er Gruppe ist aus England, die zwei neben mehr sind Amis, kein anderer auf der Welt kann so gut smalltalken. Es gibt Eis zum Nachtisch. Rechts von mir werd ich nicht schlau, bis ich angesprochen werde, ob dies mein erster Camino sei. Norweger sind die vier und sprechen deutlich besser Deutsch, als ich englisch. 6 Jahre in der Schule hatten Sie unsere Sprache und die 4 sind pensioniert. Respekt. Mir sind meine schlechten Englischkenntnisse gerade peinlich. Ich trinke meinen Wein aus, verabschiede mich freundlich mit einem Bom Caminho und gehe auf mein Zimmer. Bin immernoch allein -> mein Bad :)

Nun werd ich schlafen und hoffe, auf einen ebenso sonnigen Tag, wie heute und wieder mehr Gesellschaft am Abend. ☺️