Tag 2 - Porto bis Lavra - nasser geht nicht

Das war er nun, mein erster richtiger Tag als Pilger auf dem Camino. Ich bin spät aus dem Hotel am Flughafen weggekommen und habe dann noch sehr lange auf die Metro warten müssen - zum Glück in netter Pilgerbegleitung Mutter & Sohn - da fiel das warten nicht schwer. Ich war also erst gegen 12:00 Uhr an der Kathedrale in Porto. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich dort von einem sehr freundlichen Portugiesen meinen ersten Stempel in meinen Pilgerausweis bekommen habe. Ich habe dann auch gleich ein Ticket gekauft, um mir die Kathedrale anzuschauen. Ich hatte das Glück an einem Teil des Sonntags-Gottesdienstes teilnehmen zu können. Wie meine Wetterapp gemeldet hat, fing es um 12:00 Uhr an zu regnen. Nachdem ich die Kathedrale verlassen habe, sehe ich meine ersten Pfeile! Putziges Gefühl, diese werden mich die nächsten Wochen leiten. Da ich bisher noch kein Frühstück hatte, entschloss ich mich, noch schnell eine Kleinigkeit in Porto zu essen. Immerhin ist Sonntag und Sonntag sind auch in Portugal die meisten Geschäfte geschlossen. Ich setze mich also in der Nähe des Dorou-Flusses und bestellte mir ein belegtes Baguette. Es regnete in Strömen. Von dem kurzen Weg von der Kathedrale bis zum Fluss war meine Jacke schon durchgeweicht. Ich entschloss mich, den Poncho rauszuholen. Nach dem Essen ging ich ein paar Meter, bis zur Haltestelle der historischen Straßenbahn, mit der ich 6km bis zu deren Endhaltestelle fahren wollte. Es regnet in Strömen. An der Endhaltestelle angekommen ging es dann wirklich für mich los. Immer noch regnet es in Strömen. Der Nachteil von so einem Poncho ist, dass es nach einer Weile Anstrengung auch an der Innenseite feucht wird. Aber immerhin habe ich nicht gefroren, das ist sehr viel Wert.

Zu Beginn laufe ich noch am Douro entlang und irgendwann mündet dieser dann im Meer. Das Meer mag ich ja. Durch das Wetter ist es sehr aufgewühlt. Am Anfang ist die Strecke so lala aber später, als die Stege beginnen, wirklich sehr schön. Leider passt das Wetter nicht, es regnet in Strömen. Ich laufe und laufe und laufe und irgendwann stelle ich fest, dass ich es wahrscheinlich nicht zu meinen angedachten Etappenziel schaffen werde. Ich bin zwar noch fit, aber irgendwann wird es auch dunkel. Ich frage in einer Pilgergruppe bei FB nach passenden Übernachtungsmöglichkeiten vor ab. Ich bekomme sofort Hilfe und Übernachtungmöglichkeiten in Lavra genannt. Eigentlich wollte ich nach Labruge und eigentlich wären das insgesamt nur 16 km gewesen... Nach einer ca. 10 Minuten Regenpause geht es noch mal richtig los. Sturm und Regen in Strömen. Der Damm meiner Schuhe bricht, einströmendes Wasser im rechten Schuh, ein paar Meter weiter auch links. Ich überlege, ob Piscina de Zapato der richtige Ausdruck in spanisch dafür wäre. 

Unterwegs bekomme ich ständig Mails, Posts und Whatsapps von Freunden, Bekannten, entfernten Bekannten und völlig Fremden. Ich bin gerührt. Mir wird Glück gewünscht und einen schönen Weg, viel Sonnenschein und dass der Weg mir bringen möge, was ich mir erhoffe. Die letzten Meter vor der Unterkunft werde ich sogar angefeuert. Schmerzlich wird mir gewusst, dass ich von den Personen, die mir 9 Jahre so nah wie meine eigene Familie standen, wie den letzten Monaten auch, rein gar nichts gehört habe. Nichtmal ein „Viel Spaß“. Ich hin einfach wegradiert worden, nicht mehr existent. Schade, sehr schade und ich bin sehr traurig darüber. Immerhin hat mein Ex ein pflichtbewusstes „pass auf dich auf“ fallen lassen. Ich komme an einem Schaufenster vorbei und muss lachen - ich sehe aus, wie ein Marshmallow auf zwei Beinen. Kurz hinter Matoshinos locken Grillstände mit frischgefangenem Fisch, ich würde der Versuchung am liebsten nachgeben, aber ich habe doch keine Zeit! Einen kleinen Zwischenstopp gönne ich mir für einen schnellen Kaffee und ein Pipipäuschen, hier kaufe ich mir endlich auch eine Flasche Wasser - vorher gabs auf nen Sonntag nirgendwo was.  Der empfohlene Campingplatz kommt immer näher, mir reichts auch für heute, statt geplanter 16 km stehen irgendwie 22km auf der Uhr. Ich bekomme einen Bungalow zugeteilt, den ich mir mit anderen Pilgern teile. Eine weitere wäre schön da, ob es mir etwas ausmachen würde, mein Zimmer mit einer weiteren zu teilen. Ich sage nein, was natürlich gelogen ist, wer hat nicht lieber ein Zimmer für sich? Aber das gegönnt zum pilgern dazu und bevor jemand abgewiesen wird, darf er natürlich auch bei mir im Zimmer schlafen. Ich gehe zum Bungalow und meine Mitbewohnerin ist schon da, ihr ist kalt, mir auch. Wir beide sind nass. Meine beste Entscheidung war, ein zweites paar Schuhe einzupacken - trockene Füße können sooooo toll sein! Ich schaue mir mein „Abteil“ im Bungalow an - ein 140er Bett. Mir kommen Zweifel, ob ich mich verhört hatte? Hatte sie gesagt „in einem Zimmer“ oder „in einem Bett“? Ich bekomme kalte Füße und gehe zur Klarstellung nochmal zur Rezeption. Natürlich in einem Zimmer, meine Mitbewohnerin hatte neben ihrem Einzelbett noch ein Doppelstockbett im Abteil und die Dame an der Rezeption hatte an dieses Zimmer gedacht, aber die sagt, wie blieben dann alleine im Bunfalow, so spät wäre sowieso niemand mehr zu erwarten. Meine Mitbewohnerin nahm mich mit zum Essen - sie hatte unterwegs allerhand Leute kennen gelernt, die alle gemeinsam essen wollten. Als ich unterwegs war, war weit und breit kein anderer Mensch zu sehen! Im Retaurant gabs ein Pilgermenü - Suppe, Hauptgericht Fisch oder Fleisch, Nachtisch und Getränk- für 7,50 €. Ich wähle Fisch und Vino tinto. Das beste Essen ist immer das, was man bekommt, wenn man hungrig ist - es war köstlich. Wir saßen alle noch etwas zusammen, putzigerweise kamen die einige auch aus dem Norden - Oldenburg und Lüneburg - so klein ist die Welt dann doch. Selbst das Tippgeber- Pärchen für die Unterkunft traf ich beim Essen. Sicher trifft man sich unterwegs nochmal. Alle haben nasse Kleidung und Schuhe, im Gespräch stellt sich heraus, das wir die einzigen sind mit eigenem Bad, WC und einer Heizung. Manchmal muss man auch mal Glück haben! Nach einer letzten Rund weißem Port ging es dann auch ins Bett, unterwegs natürlich nochmal tüchtig nass geworden. Nun liege ich hier und lausche dem strömendem Regen und hoffe, der Wetterbericht für dmorgen hält sein Wort.